- Versuch einer Rekonstruktion
Die Geschichte der ersten Orgel von St. Johann Baptist in Wuppertal-Oberbarmen lag bisher weitgehend im Dunklen. Angesichts fehlender Akten schienen nähere Aufschlüsse über das am 13. März 1945 mit der Kirche durch Brandbomben zerstörte Instrument nicht möglich. Das einzige, was man kennt, ist sein durch Photos aus den 30er Jahren dokumentiertes Äußeres sowie die Tatsache, daß es einst aus der Paderborner Orgelbau-Werkstatt Eggert hervorgegangen ist.
Aufgrund neuerer Quellenfunde stellt sich die Situation inzwischen anders dar: Ein Eggert-lnserat aus der Zeit um 1901 sowie das letzte Jahresheft des Gregorius-Boten von 1899 führen ebenso zu neuen Erkenntnissen wie detaillierte Forschungsergebnisse über die Werkstatt Eggert und die von ihr erbauten Orgeln.
1840 von Karl Joseph Eggert in Paderborn gegründet, erlebte das Unternehmen seine Blütezeit nach 1874, als sein Sohn Franz das Geschäft übernahm. Bis zur Überschreibung an Anton Feith im Jahre 1902 wurden nicht weniger als 105 zum Teil große Orgeln vornehmlich für das Bistum Paderborn gebaut. In technologischer Hinsicht arbeiteten die handwerklich als außerordentlich solide geltenden Instrumente dabei überwiegend nach dem zeitüblichen System pneumatisch gesteuerter Kegelladen.
Die Orgel für St. Johann Baptist entstand 1899, vermutlich in der 2. Jahreshälfte. In seiner Anzeige führt Eggert, nach Entstehungsjahren aufgelistet, alle seine seit 1894 gebauten Instrumente sukzessive an. Von sieben Orgeln im Jahre 1899 steht an vierter Stelle ’Barmen-Rittershausen, kath. Kirche, 26 klingende Register1. Der Pressebericht aus dem Jahre 1899 stützt diese Angabe: Unter ’Nachrichten aus dem Cäcilienverein’ ist in Bezug auf den 27.11.1899 in Barmen zu lesen: „Die diesjährige Generalversammlung des Bezirksvereins Barmen fand gestern in Barmen-Rittershausen statt, dessen wackerer Kirchenchor die musikalischen Aufführungen bereitwilligst übernommen hatte. Die Feier wurde eröffnet mit einer kirchlichen Andacht... Die neue schöne Orgel (26 Stimmen) in St. Johann Baptist wurde denn auch zum Schlusse der Andacht dem Zuhörer in einer Weise vorgeführt, die die Vorzüge des Werkes im einzelnen sehr wohl erkennen ließ, bis zuletzt das Gesamtwerk in majestätischer Fülle durch die weiten Hallen erklang...“
Die Disposition umfaßte also 26 Register, deren genauere Benennung jedoch nicht möglich ist. Auch andere damalige Fachzeitschriften wie etwa die ’Orgelbau-Zeitung’ oder die ’Zeitschrift für Instrumentenbau’, die häufig Dispositionen, auch die Eggert’scher Orgeln, abdruckten, führen hier nicht weiter. - Will man dennoch einen Rekonstruktionsversuch wagen, müssen behelfsweise bekannte Dispositionen anderer, der Oberbarmer nach Größe und Entstehungszeit vergleichbarer Eggert-Orgeln herangezogen werden, um aus ihnen ein wahrscheinliches Klangprofil für St. Johann Baptist zu gewinnen. Folgende Instrumente bieten sich nach diesen Auswahlkriterien an:
Anhand des Vergleiches der drei Dispositionen werden folgende Strukturmerkmale erkennbar:
Im Hinblick auf die von Eggert dabei verwendeten Register unterscheiden sich die Orgeln kaum, so daß auch für St. Johann Baptist eine ähnliche Disposition unterstellt werden darf. Unter besonderer Bezugnahme auf die von Eggert im Angebot für Gelsenkirchen-Ückendorf gemachten Spezifikationen könnte die Orgel von St. Johann Baptist folgende Klanggestalt gehabt haben:
1. Manual: C - f’’’ (54 Töne)
| Bordun | 16’ | Kiefer und Ahorn |
| Prinzipal | 8’ | 87,5% Zinn (Prospekt) |
| Gamba | 8’ | C-H Zink; Rest 75% Zinn |
| Bordun | 8’ | C-H Kiefer; Rest 60% Zinn |
| Harmonieflöte | 8’ | C-H gemeinsam mit Bordun; c-h Kiefer; Rest 75% Zinn; Disk. Überblasend (alternativ auch denkbar: Hohlflöte 8’; C-H gedeckt, Kiefer und Ahorn) |
| Oktave | 4’ | 75% Zinn |
| Rohrflöte | 4’ | 50% Zinn |
| Oktave | 2’ | 75% Zinn |
| Mixtur 2-4f. | 2’ | 75% Zinn; Aufbau: C: 2’,1 1/3’; c: 2 2/3’, 2’,1 1/3’; c’: 4’, 2 2/3’, 2’,1 1/3’; c’’: 5 1/3’, 4’, 2 2/3’, 2’ |
| Cornett 3f. | 4’ | 75 % Zinn; ab g; Aufbau: 4’, 2 2/3’, 1 3/5’ |
| Trompete | 8’ | aufschlagend; Zungen, Kehlen und Krücken aus Messing; Köpfe und Stiefel von Metall; Becher aus 75% Zinn |
2. Manual: C - f’’’ (54 Töne)
| Liebl.Gedackt | 16’ | Kiefer und Ahorn |
| Geigenprinzipal | 8’ | C-H Kiefer; Rest 75 % Zinn |
| Salicional | 8’ | C-H Zink; Rest 75 % Zinn |
| Aeoline | 8’ | C-H gemeinsam mit Salicional; Rest 75 % Zinn |
| Flauto amabile | 8’ | Kiefer und Ahorn |
| Gemshorn | 8’ | 75 % Zinn |
| Traversflöte | 4’ | 75 % Zinn |
Pedal: C - d’ (27 Töne)
| Prinzipalbaß | 16’ | Kiefer |
| Subbaß | 16’ | Kiefer |
| Salicetbaß | 16’ | Zink |
| Oktavbaß | 8’ | Kiefer |
| Gedecktbaß | 8’ | Kiefer |
| Violoncello | 8’ | Zink |
| Oktave | 4’ | 50% Zinn |
| Posaune | 16’ | aufschlagend; Zungen, Kehlen und Krücken aus Messing; Köpfe von Metall; Stiefel und Schallbecher aus Holz |
Koppeln: ll/l l/Ped Il/Ped
Kombinationsknöpfe:
Bei einem aus mehreren zeitlich benachbarten Eggert-Angeboten errechneten durchschnittlichen Registerpreis von 385 Mark dürften die Kosten für die Orgel in Oberbarmen ohne Gehäuse und die stummen Prospektpfeifen (diese Posten stellte Eggert immer gesondert in Rechnung) ca. 10.000 Mark betragen haben.
Abgesehen vom späteren Einbau eines elektrischen Gebläses und des Ersatzes der im ersten Weltkrieg beschlagnahmten Prospektpfeifen durch solche aus Zink, ist davon auszugehen, daß an dem Instrument nachträglich keine Veränderungen mehr vorgenommen worden sind.
Wie immer sich auch die rekonstruierte Disposition von der verlorenen geringfügig unterscheiden mag, eines ist sicher: Mit ihrem dunkeltönigen Klangbild lag die Orgel voll im Trend des damaligen Zeitgeschmacks. Den einstigen liturgischen Erfordernissen des katholischen Gottesdienstes vermochte sie von der Stützung des Gregorianischen Chorais, über leise Zwischenspiele und dynamisch unterschiedliche Liedbegleitungen, bis hin zu feierlichen Vor- und Nachspielen vollkommen zu genügen. Wenn auch Orgelliteratur, insbesondere die Polyphonie der Barockzeit, auf ihr kaum darstellbar war, so ist die Pfarrgemeinde St. Johann Baptist in den viereinhalb Jahrzehnten seiner Existenz mit dem Instrument sicherlich nicht schlecht beraten gewesen.